Mittwoch, 19. August 2020

Neues Fördermodell Tanz und Theater: Gute Ansätze, aber zum falschen Zeitpunkt

Fraktionserklärung der glp Stadt Zürich. Während sich die Zürcher Tanz- und Theaterszene mit existenziellen Zukunftsfragen beschäftigt, beschliesst der Gemeinderat über eine neues – zukunftstaugliches? – Fördermodell.

Das Ziel des Stadtrates war es, ein zukunftstaugliches Fördermodell zu entwickeln, das den Wettbewerb unter den Kulturhäusern anregt und die Zürcher Tanz- und Theaterlandschaft durchlässiger macht. Insbesondere soll es der Freien Theaterszene und jungen Kulturschaffenden den Zugang zu Fördergeldern erleichtern. Die Grünliberalen unterstützen diese Grundidee, denn die Chancen auf mehrjährige finanzielle Unterstützung sind heute tatsächlich sehr ungleich verteilt.

 

Doch, sehr geehrter Stadtrat: Wären Sie und wir schneller gewesen, lägen nun bereits zahlreiche Gesuche für eine mehrjährige Konzeptförderung auf Ihrem Schreibtisch. Was wären diese wohl wert? Wie sollte heute ein vernünftiges – oder eben zukunftsfähiges – Konzept über sechs Jahre aussehen, wenn man nicht mal weiss, wie das nächste halbe Jahr zu überstehen ist?

 

Der falsche Zeitpunkt

Wir sind der Meinung, dass es der falsche Zeitpunkt ist, inmitten der Coronakrise die Unsicherheit für die Institutionen mit einem neuen Fördermodell zusätzlich zu erhöhen. Hingegen braucht es rasche und pragmatische Hilfe. Wir unterstützen deshalb die motivierte Rückweisung und Sistierung der Vorlage. Sie gibt dem Stadtrat die Gelegenheit, diese in Ruhe auszubessern und sie schafft Zeit, sie nochmals unter den neuen Gegebenheiten zu prüfen – und erlaubt es der Verwaltung, sich den dringenderen Problemen zu widmen.

 

Von der Drei- zur Zweiklassengesellschaft

Verbesserungspotenzial gibt es bei der Verteilung der Fördergelder: Die Grünliberalen begrüssen zwar, dass die Vorlage zumindest ein klein wenig Umverteilung vorsieht. Die Coronakrise zeigt, wie ungleich lang die Spiesse sind. Die grossen, fix geförderten Kulturhäuser (Schauspielhaus, Neumarkt) kommen «dank» hohem Subventionsgrad auch ohne Spielbetrieb finanziell einigermassen gut über die Runden (selbstverständlich möchten auch sie lieber vor Publikum spielen). Die Kleintheater und besonders die Freie Szene sind hingegen zwingend auf Zuschauereinnahmen angewiesen.

 

Die Grünliberalen forderten bereits lange vor Corona – und jetzt erst recht – weniger unbefristete Subventionen und eine gerechtere Verteilung des Kulturbudgets. Im konkreten Fall: 3% Umverteilung statt 2%. Aber langfristig reicht auch das nicht. Warum sollen unsere grossen Häuser den Gürtel nicht auch etwas enger schnallen müssen, wenn alle anderen es müssen? Warum soll der Wettbewerb, den der Stadtrat mit der Vorlage fördern will, nicht auch sie umfassen? Als Leuchttürme der Zürcher Kulturszene mit internationalem Renommee sollten sie diesen nicht fürchten.

 

Die Rechnung ohne den Gast gemacht

Das neue Förderkonzept wurde mit vielen Beteiligten aus der Kulturszene in zig Sitzungen und Workshops entwickelt. Leider ging dabei der Gast etwas vergessen. Der Gemeinderat – als Vertretung der Bevölkerung – sollte künftig auf die Mitgestaltung der kulturellen Menükarte verzichten und nur noch die Rechnung begleichen. Das, was uns der Stadtrat dabei stolz als eine «Entpolitisierung» des Vergabeprozesses angepriesen hat, käme in Tat und Wahrheit einer «Verstaatlichung» der Kultur gleich. Das will die glp nicht. Das Kulturbudget soll nicht vom Stadtrat allein verteilt werden, traditionsreiche Theater sollen nicht aufgrund der Empfehlung einer Experten-Jury ihre Vorhänge schliessen müssen.

 

Zeitlich befristeter Versuch

Kulturförderung lässt sich nicht an objektive Kriterien knüpfen. Sie ist stets auch von persönlichen Präferenzen, dem Zeitgeist und (internationalen) Trends geprägt. Deshalb ist es wichtig, die Kulturförderung – wie bisher – breit abzustützen.


Ob das neue Fördermodell dann auch tatsächlich, wie vom Stadtrat propagiert, zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Institutionen und der freien Szene führt, und so mehr Vielfalt und neue Ideen und Ansätze ermöglicht, bleibt höchst fragwürdig. Deshalb unterstützen wir Grünliberale eine befristete Versuchsphase über zwei Vergabeperioden einzuführen, wenn besser absehbar ist, wie die Theaterszene mit oder nach Corona aussieht.